Dorfleben heißt…

Ich sage öfters mal, dass ich ein Dorfkind aus Leidenschaft bin und ich mich in Dörfern und kleinen Städten am wohlsten fühle, vor allem wenn ich die Wahl zwischen ihnen und Großstädten habe. Heute gibt es also mal einen kleinen Post darüber, was dieses Leben so bedeutet und was damit einhergeht.

Ich stamme aus einer kleinen Stadt in der man schnell das Dorf-Gefühl bekommt, was vor allem auch daran liegt, dass ein großer Teil der Einwohner ihr Geld mit Landwirtschaft verdient und sich das natürlich in der Stadt und im Freundeskreis bemerkbar macht. Schon in meiner Kindheit war dieses Gefühl fest verankert als meine Freunde und ich mittags durch die Weinberge und Wälder gewandert sind. So sah ein typischer nachmittag bei uns, nachdem es bei Oma Mittagessen gab. Wie ich Jahre später, das Kleinstadt-/Dorfleben wahrnehme, gibt es nun zu lesen.

Jeder kennt Jeden

In einer Stadt ist man oft ein Gesicht unter Tausenden, es sei denn man ist in seiner Stammkneipe. Auf dem Dorf sieht das anders aus, man läuft durch die Stadt und kommt aus dem „Grüß Gott“ gar nicht mehr heraus, man klingt wie eine gesprungene Schallplatte. Irgendwie kennt man alle, das eine ist der Bruder von, die alte Dame steht gut mit meiner Oma, die Frau bedient mich beim Metzger seit 15 Jahren, da ist eine Schulkameradin meiner Mutter und oh mein Schwimmlehrer.

Jemanden grüßen ist auch unheimlich wichtig, ich habe mal eine Freundin meiner Oma nicht gegrüßt und hab daheim erstmal eine Standpauke bekommen wie unhöflich ich wäre. Das wurde natürlich brühwarm weiter getratscht.

Dieses Tratschen kann euch ab einem gewissen Alter auch das Genickbrechen. Denn sobald ihr mit 15 Jahren unerlaubt über das coole Dorffest schleicht, könnt ihr euch sicher sein, dass ihr nicht so undercover gewesen seid, wie ihr es euch erhofft habt. Zu 90% wissen eure Eltern am nächsten Tag Bescheid. Schlußendlich kennt nämlich jeden jeden, vor allem wenn ihr euch – wie ich – die Haare pink gefärbt habt. Dann fällt man nämlich auf wie ein bunter Hund.

Bist du in keinem Verein hast du verloren

Handball, Fußball, Volleyball, Schwimmen oder Orchester. Ein Verein oder Kurs ist notwenig. Als Kind war ich selber beim DLRG, beim Tanzen und beim Turnen  obwohl ich darauf gar keine Lust hatte. Nach der Schule oder dem Kindergarten hat sich das Leben in Vereinen abgespielt, hier werden neue Freundschaften geknüpft oder vertieft. Sie sind unverzichtbar für das Sozialleben.

Als ich älter wurde und endlich mitentscheiden durfte, konnte ich mich von allem abmelden und war mit 14 vereinsfrei. Aber ich habe schnell gemerkt, dass man dadurch etwas außen vor ist. Meine beste Freundin kannte um einiges mehr Leute als ich und als die Klassen neu zusammengefügt wurden, musste ich wirklich bei 0 starten, während die meisten sich schon kannten. Und sind wir ehrlich, diese Vereinsfeste sind immer ziemlich cool, wenn man keinen Club hat.

Führerschein = Heiligtum

Wenn du in einem Dorf wohnst, dass zufällig einen Bahnhof hat, hast du den Jackpot geknackt. Wenn du nur Bushaltestellen hast, ist das in Ordnung, aber auch schon ätzend. Du musst dir den Busfahrplan penibel genau einprägen, vor allem da wir damals noch keine App hatten in der wir schnell mal nachsehen konnte. Da wurde der Plan noch abgeschrieben und im Geldbeutel mit rumgetragen. Und nach 22 Uhr fährt dann eh erstmal nichts mehr und du musst die 10 km zwischen den Dörfern zu Fuß hinter dich bringen. Die Eltern anrufen um sich abholen zu lassen, funktionierte nur manchmal, oft genug hieß es „Du hast zwei Beine, benutze sie“. Oft wechselte man sich ab um bei den Eltern zu betteln ob man abgeholt wird.

Wer zuerst 18 wird und den Führerschein macht, ist plötzlich die coolste Person der Welt und man hofft jeden Tag mitfahren zu dürfen um in der Stadt shoppen gehen zu können. Aber Vorsicht, dass man sich nicht ausnutzen lässt, denn plötzlich will jeder euer bester Freund sein, weil ihr seid mobil im Vergleich zu allen anderen.

Ein Kilo Dreck im Jahr ist gesund

Kinder vom Dorf spielen draußen, auf jeden Fall damals. Direkt nach der Schule ging es raus, mit den Fahrrädern an den See, ins Freibad oder einfach nur in die Weinberge. Die meiste Zeit waren wir draußen in der Natur und sind durch den Dreck gesprungen. Ich musste sicher jeden Abend duschen, weil ich total verdreckt nach Hause kam.

Da gab es keine Berührungsängste mit Schlamm und Erde, da wurde extra darin herumgetollt. Unsere Eltern haben uns darin sogar bestärkt und wir haben oft bei der Weinlese mitgeholfen. Die Klamotten konnte man danach zwar wegwerfen, aber wir haben das Leben draußen genossen. Gummistiefel und Wanderschuhe gehörten zum täglichen Outfit.

Die Kleine von…

Wie oben schon erwähnt kennt euch jeder. Aber lange Zeit seid ihr nicht ihr selbst, ihr seit lange Zeit nur „Die Kleine von…“. Im Dorf werdet ihr sofort mit eurer Familie in Verbindung gebracht und repräsentierst sie auch auf gewisse Art und Weise. Daher seid ihr nur eine kleine Version eurer Eltern oder eurer Großeltern.

Für viele mag das makaber klingen, aber es ist durchaus gängig und man gewöhnt sich daran. Umso älter man wird und häufiger man mithilft oder sich sehen lässt, desto schneller werdet ihr direkt mir eurem Namen angesprochen. Mit Helfen ist in Dörfern und kleinen Städten eh das A und O. Man verlässt sich aufeinander und steht immer füreinander bereit. Wer sich hier abkapselt, bekommt den Ruf schnell nicht mehr los.

Dorffeste 

Der nächste Club war ca. 20 km entfernt. Wie will man also mit 16 irgendwo hinkommen, wenn die Öffentlichen nur bis 22 Uhr fahren und man nachts nicht von den Eltern abgeholt wird? Erstmal gar nicht um ehrlich zu sein, es sei denn man feiert bis 5 Uhr durch und kann irgendwie den Türsteher umgehen, der den Personalausweis einsammelt.

Daher spielt sich das soziale Leben oft auf Dorffesten ab, das können Bierzelte sein, Weinfeste oder kleinere Stadtfeste. Das war oft die einzige Möglichkeit um mal ein Bier zu trinken und zu feiern. Daher sind diese Feste oft so wichtig und wer nicht da war, muss sich bis zum nächsten Jahr die Geschichten anhören bei denen man nicht vor Ort war. Heute telefoniere ich oft noch mit Freunden und dann kommt oft „Weißt du noch das WG Fest vor dem Abitur?“ Und wir wissen genau was die jeweils andere meint, welche Story und kommt und warum genau dieses Fest so besonders war.

Bis heute gehe ich sehr ungern in Clubs, sondern lieber auf Feste oder in kleinere Kneipen, weil ich mich dort irgendwie heimischer fühle.

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14 Kommentare

  1. 29. November 2017 / 15:00

    Es gibt so Tage (oder auch mal ganze Wochen) da sehne ich mich total nach diesem Dorfleben zurück. Muss dir da echt in allem zustimmen… außer vielleicht das mit dem Verein 😛 Es ist zwar fast jeder in einem Verein, aber ich habe mich jetzt nicht ausgegrenzt gefühlt, nachdem ich mich abgemeldet hatte (okay… ich war also doch auch selber in einem Verein, in dem ich Freundschaften schloss xD).

    Die meisten positiven Dinge am Dorf- bzw. Kleinstadtleben merke ich aber erst jetzt, wo ich sie nicht mehr habe.
    1. Die Ruhe um einen herum, wenn man sie braucht
    In der Stadt unmöglich mal einmal entspannt durch einen Park zu laufen, ohne auf irgendwen Verrücktes zu stoßen. Nerv.
    2. Freunde in Reichweite
    Alle Dörfler sind in alle Richtungen umgezogen, weil das irgendwie der Zeitgeist zu sein scheint. Jetzt wohnen wir alle in der BRD verstreut und vermissen uns eigentlich permanent nur.
    3. Jeder ging zu den gleichen Events
    Man musste nicht 10x besprechen wann man sich wo trifft, weil auf dem Dorf/in der Kleinstadt halt eben nicht 30 Events an einem Abend stattfinden. Nee. Man hatte seine Stammkneipe und einmal im Monat vielleicht ein Konzert in Reichweite, das man besucht und das war es dann auch. So hing die ganze Sippe automatisch immer zusammen und Freundschaften wurden gepflegt. In der Stadt finde ich das ziemlich anstrengend.
    … 😀 ich könnte ewig mit dem Thema weitermachen.
    Gibt halt immer pro und contra!

    Toller Beitrag!

  2. 30. November 2017 / 8:46

    Danke für deine Erzählungen. Ich habe sowohl in Städten gewohnt wie auch im kleinen Dorf mit nur 10 Häusern, kenne also beides. Meine Kindheit habe ich aber in Städten erlebt und bin froh drum ;-). Jetzt wohnen wir in einer kleineren Stadt, naja für norwegische Verhältnisse relativ große Stadt, hier sind die Dimensionen nochmal ganz anders was Dorfleben heißt.
    Hat wohl alles seine Vor -u.Nachteile, ich selbst liebe so wie jetzt ein bisschen das Mittelding.

    Lg aus Norwegen
    Ina

    http://www.mitkindimrucksack.de

  3. 30. November 2017 / 9:31

    Oh ja!
    Irgendwie kommt mir doch alles sehr bekannt vor! Ich habe früher auch immer darauf gewartete mobil u sein. Meine Kindheit war geprägt von Dorffesten und vielen Aktivitäten im Ort 🙂
    Heute sieht es ganz anders aus! Die Zeit möchte ich aber auch nicht missen!
    Liebe Grüße,
    Alexandra.

  4. 30. November 2017 / 10:15

    ohh ja I feel you! ich kenne das zu gut – bin ja auch im Dorf aufgewachsen, hatte aber auch die Großstadt direkt vor der Nase, also ein super Vergleich 🙂

    hab einen schönen kleinen Freitag meine Liebe,
    ❤ Tina von http://www.liebewasist.com

  5. 30. November 2017 / 10:19

    Ja, das kann ich mir vorstellen, dass das Dorfleben manchmal nicht so einfach ist. Aber andererseits sind es auch schöne Erinnerungen, die man nicht hat wenn man in der anonymen Stadt aufwächst.

    Liebe Grüße
    Verena

  6. 30. November 2017 / 10:27

    Ich bin auch ein Dorfkind – und nach kurzem Stadt-Zwischenspiel sind wir wieder aufs Land gezogen als Emma in den Kindergarten kam. Ich habe keine Minute bereut. Deppen gibt es überall, aber ich mag den Gedanken, dass jeder jeden kennt und alle aufeinander aufpassen. Ich muss keine Angst haben, meine Kinder alleine draußen spielen zu lassen … Und zum Glück haben iwr ein AUto und sind dann doch schnell in städischeren Gefilden – nur eine halbe Stunde bis Stuttgart, da kommt man auch kurturell nicht zu kurz. Und es stimmt – die besten Erinnerungen habe ich an die WG Feste um die Abi-Zeit 😉 🙂

  7. 30. November 2017 / 10:55

    Hey!
    Ich lebe in einem kleinen Ort zwischen Köln und Bergisch Gladbach. Ich hatte also immer meine Ruhe und das „Jeder kennt jeden“ konnte aber auch schnell in Köln sein um abends mit Freunden feiern zu gehen. Für mich ist das eine gute Zwischenlösung 🙂

    Liebe Grüße,
    Pauline von https://yourcompanionsite.wordpress.com

  8. 30. November 2017 / 11:15

    Liebe Anni,
    da hast du das Dorfleben super zusammengefasst! Ich bin auch in einem 1000-Einwohner-Dorf groß geworden und die Sache mit dem Grüßen ist mir auch schon mal um die Ohren geflogen. Da grüßt man einmal nicht und schon gibts daheim ne Standpauke! Wie unhöflich von mir! ich war echt froh, als ich in die Anonymität der Großstadt ausweichen konnte – meine grün gefärbten Haare waren auf dem Dorf nämlich schon fast ein Skandal…
    LG Ina

  9. 30. November 2017 / 12:01

    Hey du.
    Wir haben mal auf dem Dorf gelebt. Für mich ohne Führerschein eine Katastrophe! Und auch so ist das nichts für mich. Wir leben nun in einer Kleinstadt und das reicht vollkommen. Mit allen Dingen, die du erwähnst hast du recht. Kann das echt unterstreichen.

    Liebste Grüße,
    Sandra.

  10. 30. November 2017 / 13:49

    Also ich komme ja auch aus einem Dorf und wohne immer noch in einem. Stadt wäre einfach nichts für mich. 🙂 Allerdings war ich auch nie in einem Verein, da ich nie der Typ dafür war. Hatte trotzdem meine „Kreise“. So wie wir wohnen, vorne Felder hinten Wälder, ist es für uns perfekt und es gibt nichts Besseres! 🙂

    Alles Liebe,
    Verena
    whoismocca.com

  11. 30. November 2017 / 16:02

    Hallöchen,
    da hat es jemand echt auf den Punkt getroffen 😀 Machmal finde ich es ja cool, aber manchmal regt es mich auch auf, dass jeder jeden kennt. Es wird auch immer direkt gefragt, wer das denn wohl ist…

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

  12. Freya
    30. November 2017 / 18:13

    Ich wohne noch heute in der kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin und ich kann es mir nicht anders vorstellen. Hier kennt jeder jeden und ich finde es toll, dass es nicht so anonym ist. Wir sind alle im Verein und mit unserem Ort verwurzelt. Und im dreck spielen dürfen meine Kids noch heute 😉

    Alles Liebe

    Freya
    http://www.dieplaudertasche.com

  13. 30. November 2017 / 20:20

    Komme auch aus einer Kleinstadt 😀 das mit dem Führerschein kenne ich nur zu gut!
    Wir haben auch als Kinder super viel draußen gespielt, nur das mit den Vereinen war zum Glück nicht so stark bei uns. Dorffeste mag ich auch immer noch sehr gerne 🙂

    Liebe Grüße,
    Lina von http://www.colouroflina.com <3

  14. 1. Dezember 2017 / 0:04

    Ich lebe in meinem Heimatdorf schon mein ganzes Leben lang und möchte nirgends anders sein. würde Die Anonymität in einer Stadt wäre nichts für mich. Hier bei uns kennt man sich und hilft sich, wenn es sein muss.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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