Der Weg ist das Ziel oder nicht?

„Kind, als ich so alt war wie du, stand ich schon seit 10 Jahren fest im Geschäftsleben“ Ich hasse diesen Spruch, trotzdem höre ich ihn immer wieder oft von meinen Eltern. Sie unterstützen mich zwar bei meinen Entscheidungen, aber dieser eine Satz wirkt auf mich immer wieder wie eine Warnung „Denk dran – die Zeit wartet nicht auf dich“

Ich hatte immer einen einigermassen festen Plan in meinem Leben. Abitur machen, den Bachelor machen und dann Fest im Leben stehen. Hier lasse ich Platz für eine kleine Kunstpause in der wir alle kurz lachen dürfen. Step 1 und Step 2 dieses unheimlich ausgefeilten Plans habe ich erfolgreich abgeschlossen – kleine Umwege eingeschlossen. Damit habe ich eine kleine zeitliche Verzögerung mit reinbekommen, die sich aber gelohnt hat. Und direkt nach dem Bachelor Studium hatte ich so unendlich viel Glück sehr schnell einen Job zu bekommen, von dem ich leben konnte und bei dem ich Neues kennen lernen konnte und auch für mich wichtige Erfahrungen und Kenntnisse sammeln konnte. Meinen Eltern ist schon ein wenig der Stein vom Herzen gefallen. Klar bin ich mit 19 ausgezogen und habe mein eigenes Ding gemacht, aber der erste richtige Job ist noch mal ein weiteres Abkapseln, ein endgültiges „Ich glaube ich kann mein Leben jetzt wirklich alleine bestreiten“. Die Eltern werden endgültig von Auswechsel-Bank in die Besucher Ränge geschoben, meine haben das lächelnd hingenommen und haben stolz zugesehen wie ich langsam aber sicher einen festen Stand in meinem eigenen Leben habe. Und trotzdem habe ich gemerkt wie viele in meiner direkten Umgebung ein leises „Endlich“ geseufzt haben.

Auch für mich war es natürlich ein großer Schritt, ich habe die Routine willkommen geheißen und habe mich unheimlich erwachsen gefühlt (Mit 25 sollte man meinen, dieses Gefühl tritt öfter auf. Nein nicht bei mir).

Aber vor wenigen Monaten bin ich aufgewacht und die einzige logische Entscheidung in meinem Kopf war „Anni mach deinen Master“. Ich hatte mit niemandem groß darüber gesprochen, sondern einfach mal einige Bewerbungen rausgeschickt. Große Hoffnungen hatte ich keine, da meine Bachelor Arbeit nun wirklich kein Glanzstück war. Aber drei Hochschulen sahen das wohl anders und schickten mir Zusagen. Und da saß ich nun: Zufrieden mit meinem Job und trotzdem mit einer weiteren Option, die mir vor den Zusagen um einiges logischer erschien. Also tat ich das was ich immer tue, wenn ich mir unsicher bin. Ich rief meine Eltern an. Von „Oh super Idee“ bis zu „Das sind eben schon wieder 2 Jahre in denen du nicht ordentlich arbeitest“ war alles dabei und half mir nicht unbedingt bei meiner Entscheidung. Wenige Tage und ein Paar Gläser Wein mit der besten Freundin am Telefon später kam ich endlich zu der Erkenntnis, dass ich meinen Master unbedingt machen möchte. Das ich dann „erst“ mit 27 ordentlich ins Berufsleben einsteigen kann, stört mich dabei eigentlich nicht wirklich. Aber ich höre eben immer öfters von allen Seiten, dass ich mit 27 scheinbar offiziell zu alt für alles bin, aber vor allem für eine gute Arbeitsstelle.

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Diese Gedanken finde ich erschreckend. Schaut uns doch mal an. Wir gehen zu Schule, machen Ausbildungen, Weiterbildungen und Fortbildungen, studieren Bachelor und Master und am Besten sollen wir damit vor 23 fertig sein. Aber ohne 5 jährige Berufserfahrung hat man eh keine Chance. Was ich mich dabei frage ist, wo bleibt das Leben? Ich meine damit nicht das Überleben, sondern das Sammeln von Erfahrungen und Erinnerungen, die Welt erkunden und sich selber besser kennen zu lernen? In diesem engen Zeitplan, der scheinbar standardmäßig vorausgesetzt wird, sehe ich keinen Platz für einen als Individuum. Die ersten werden sich jetzt wohl denken „Pfff typisch Generation Y!“ Aber ist es wirklich ein Generationen Problem oder eines unserer Gesellschaft. Ich habe in den letzten Wochen für mich festgestellt, dass ich nichts von „Mit 27 bist du ja viel zu alt und konkurrierst mit 16-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt“ hören möchte. Dieser gezwungene Druck alles ohne Pause und ohne nacht rechts und links zu schauen durchzuziehen, ist nichts für mich. Ich will mein Potenzial erstmal erkennen bevor ich beginne es auszuschöpfen. Ich will mich nicht auf einen Weg zwingen, der auf den ersten Blick richtig erscheint und auf halber Strecke in einer Sackgasse endet. Und wenn ich dafür etwas länger brauche als andere, dann ist das auch in Ordnung.

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12 Kommentare

  1. nici
    7. Oktober 2016 / 10:35

    Huhu.
    Schön geschrieben und es ist auf jeden Fall wichtig, dass man seinen Weg geht. Egal ob mit 20 in den Berufsleben oder eben erst mit 27 😉
    Wichtig ist, dass du das machst was du willst. Hast du deinen Eltern schon mal gesagt, dass du diesen Satz einfach nicht mehr hören kannst?

    Alles liebe

  2. Lisa
    7. Oktober 2016 / 11:12

    Liebe Anni,

    ich sehe das ganz genauso wie du und kenne den Druck selber nur zu gut! Mach dein Ding, nur das macht dich auf Dauer glücklich 🙂

    LG
    Lisa

  3. Mina
    7. Oktober 2016 / 11:56

    Ach Anni, guck mich doch an, ich bin 28 und ziehe endlich mal wieder um 😀
    Mein heimlicher Plan ist ein Pentagram durch Deutschland zu ziehen 😉
    Mir ist dieses Jahr klar geworden, dass ich meinen Job sehr mag und doch darin weiter arbeiten möchte, eine Stelle in einem anscheinend tollen Betrieb habe ich auch schon. Aber erst mal wollen wieder 500km überwunden werden.
    Das geht bei mir im Übrigen seit Jahren so.
    Kein fester Wohnsitz, kein fester Freund, keine festen Pläne im Leben zwecks mal iwo bleiben 😀

  4. 7. Oktober 2016 / 17:35

    Hey!
    Ich kann total gut vestehen, dass du “dein Ding” machen willst und finde es auch richtig. Ich denke aber trotzdem, dass es ein Generationenproblem ist. Dieses “ich will mich selbst verwirklichen, vielleicht noch erstmal was von der Welt sehen, bevor ich anfange richtig zu arbeiten”, das ist ein Ding unserer Generation. Das gab es früher sicher vereinzelt auch, aber nicht in diesem Ausmaß, in dem es bei der heutigen Genration zu finden ist. Ich kann auch verstehen, dass die Generation unserer Eltern das im schlimmsten Fall nicht gut heißt, im besten Fall damit einfach nichts anfangen kann. Ich denke, dass man da ein bisschen tolerant sein muss und Verständnis für die Eltern haben sollte. Nachvollziehbar, dass sie möchten, dass die Kinder einen vernünftigen Job haben, mit dem sie sich vernünftig ernähren können und im Idealfall ihre Rente sichern (so dass denn heute noch geht).
    Nichts desto trotz ist es wichtig, dass jeder den Weg im Leben geht, den er oder sie für sich als richtig empfindet.
    Wichtig ist dabei nur, dass man ggfls. wenn man nicht oder selbstständig arbeitet, nebenbei was für die eigene Rente tut. Ich habe ein befreundetes Ehepaar, dass wirklich gut situiert war im Leben und heute von Grundsicherung lebt, weil sie einfach “nur” gelebt haben, aber nicht vorgesorgt. Es ist zwar (gefühlt) noch ewig hin, bis wir in Rente gehen, aber das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, da vorausschauend zu handeln, gerade wenn man sich noch verwirklicht und nicht in einem festen Job ist, durch den in die Rentenkasse eingezahlt wird.
    LG
    Yvonne

    • Anni Hydrogenperoxid
      Autor
      7. Oktober 2016 / 17:53

      Ach um die Rentenvorsorge mach ich mir recht wenig Gedanken. Ich zahl viel in private Rentenversicherungen ein und lege sehr viel beiseite und lege es auch an. 🙂

      • 7. Oktober 2016 / 17:54

        Dann machst du dir doch Gedanken darum, wenn du so viel dafür macht 😉

        • Anni Hydrogenperoxid
          Autor
          7. Oktober 2016 / 18:03

          Ha! Jetzt hast du mich, stimmt wenn man es so sieht, hast du natürlich recht! Ich versuch eben mir mit kleineren Jobs mein Studium zu finanzieren und das was übrig bleibt kommt aufs Konto. Klar das große Geld mach ich damit nicht, aber wenn ich Vollzeit studieren will, muss ich mir das auch irgendwie finanzieren können finde ich 🙂

          • 7. Oktober 2016 / 18:14

            Ja, das ist es ja leider immer, dass alles finanziert werden will. Ich wünsche dir aber auf jeden Fall viel Erfolg mit dem Studium! Ich habe es auch nicht bereut, dass ich mit 25, nachdem ich 4 Jahre gearbeitet habe, nochmal an der FH studiert und mein Diplom gemacht habe.

  5. 7. Oktober 2016 / 18:29

    Ein toller Text! Echt gut geschrieben 🙂
    Ich bin auch vollkommen deiner Meinung!

    Liebst, Sarah von Belle Mélange

  6. Kathrin
    8. Oktober 2016 / 3:30

    Puh, ganz ehrlich, das ist so typisch Deutsch in meinen Augen. Mit Mitte / Ende 20 ist man noch lange nicht Teil des alten Eisens. Wir wissen doch gar nicht, wann wir mal offiziell in Rente gehen. Da sollte man schon sich ein bisschen was machen, was man möchte. Und dein Plan ist ja nicht, 2 Jahre zu Gammeln, sondern dich weiterzubilden… Mach es und sei froh, dass du die Chance hast! Genieß es auch in bisschen 😉

  7. Paola
    12. Oktober 2016 / 7:41

    Glückwunsch zum Studienplatz! Die Sorge dass man dann zwei Jahre nicht voll arbeitet ist doch unbegründet. Was machen denn Mütter? Die können auch nicht durcharbeiten. Ich habe mit 28 eine zweite Ausbildung / duales Studium gemacht. Es werden eben nicht nur frische Abgänger gesucht, bei mir im Betrieb war meine vorige Berufserfahrung gern gesehen und ich wollte einfach nicht von 16 bis 67 in meinem ersten Job bleiben.

  8. 26. Oktober 2016 / 10:34

    Ooh ja an das Gefühl kann ich mich noch gut erinnern. Klingt jetzt als wäre ich 53, ich bin erst 29 und arbeite seit 3 Jahren und manchmal würde ich einfach wieder gerne studieren….weil es eine unglaublich Zeit ist, weil man nie wieder soviel über sich und das Leben lernt und sie vergeht wie im Flug. Und es ist doch manchmal ganz schön, dass noch alles möglich ist. Selbst später im Job, alles kann – nichts muss. Behalte Deinen Blick auf die Dinge und genieße jeden Moment 😉
    LG Vicky

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