KW 15 | Die Depression und ich

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Ich hatte immer eine persönliche Grenze, die ich für mich gezogen habe: Was veröffentliche und was nicht. Wie ehrlich bin ich mit euch über meine Person. Ich lüge nie auf meinem Blog, erzähle aber bei weitem nie die ganze Wahrheit, heute gehe ich einen Schritt weiter  Richtung Wahrheit. Angestoßen von einem gewissen Herr Hermann, seines Zeichens Innenminister von Bayern, der ein Berufsverbot für Depressive für Denkbar hält.

Ich wollte meine Krankheiten immer weitestgehend von meinem Blog fern halten, wollte damit nicht  hausieren gehen. Aber heute habe ich das Gefühl aufstehen zu müssen und zu sagen „Seht mich an, ich habe Depressionen und bin immernoch ein Mensch“. Und ganz ehrlich, gerade habe ich nicht wenig Angst,  wegen diesem Post so manche Jobchance zu verlieren. Aber gerade im Moment muss und will ich Stellung beziehen. Ich möchte zu diesem Thema nun einfach offen Stellung beziehen, was für mich auch bedeutet meine Karten auf den Tisch zu legen. Mich zu Verstecken und klein beizugeben war noch nie meine Art.

Als ich die Nachricht gehört habe, dass dieser doch sehr minderbemittelte Politiker ernsthaft über ein Berufsverbot für Depressive nachdenkt war meine erste Amtshandlung ein Heulkrampf. Klischeehaft oder? Aber nicht aus Trauer, sondern aus purer Wut für so viel Unverständnis und Intoleranz. Die Engstirnigkeit dieser Person hat einfach wieder gezeigt, wie oft Politiker von etwas reden ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben. Dieser Mann hat in meinen Augen nur Angst vor etwas das er nicht versteht, er macht das was Deutsche  seit Jahren überraschend gut können : Diversen  Menschengruppen einen allgemeingültigen Stempel aufdrücken. „Du bist depressiv, das heißt du musst eine Gefahr für andere  Menschen sein“. Personen mit einer psychischen Krankheit werden so oder so schon oft als nicht ernstzunehmend betrachtet „Du bist doch nur traurig, sei froh dass du keinen gebrochenen Fuß hast“. (Ich würde nebenbei bemerkt meine Depression sofort gegen einen oder sogar 5 gebrochene Füße eintauschen). Und dieser Mann schafft es in kurzer Zeit eine ganze Personengruppe, die sich aktuell laut diversen Studien auf knapp 3 Millionen  Menschen allein in Deutschland beläuft, zu stigmatisieren und unter einen Hut zu stecken. Wegen solchen Aussagen haben die Menschen Angst, sich professionelle Hilfe zu suchen.  Ich selber habe nach der dunklen Befürchtung was mit mir los sein könnte, sicher fünf Jahre gebraucht um zum Telefon zu greifen um mir Hilfe zu holen. Vom Kampf um die Therapie will ich gar nicht reden? Aber das sind Dinge, die man nicht hören möchte, individuelle Schicksale machen das Ganze dann doch persönlicher. Es ist einfacher eine Masse zu betrachten, aber die Pointe ist, dass das bei der Depression nicht funktioniert. Depressionen sind gemein und sie äußern sich bei jedem anders, bei jedem hat es einen anderen Verlauf, einen anderen Ursprung und vor allem geht jeder Erkrankte anders damit um. Da gibt es kein Allgemeines Heilmittel, und ein Berufsverbot ist schon gar kein “Heilmittel“, es treibt nur einen weiteren Keil zwischen die Gesellschaft und das Verständnis für JEDE Art von psychischer Erkrankung.

Allein der Gedanke über ein Berufsverbot schockt mich, wollen sie mir nicht gleich meine Krankenakte gegen die Brust tackern? „Hallo Depression“ – „Hey Zwangsneurose“- „ Hey Bipolare Störung kommt heut auch raus zum spielen“. Ich glaube nicht, dass es schlau ist, depressive Menschen aus ihrer Struktur zu nehmen und sie sieben  Tage die Woche daheim rumsitzen zu  lassen. Allein….daheim… ausreichend  Zeit darüber nachzudenken warum das eigene Leben nichts mehr ist, außer ein schwarzes Loch. Ich kann an dieser Stelle mit Sicherheit nicht für alle Erkrankten sprechen, aber bei MIR ist das so. Ich bin gerne alleine, ich bin einfach introvertiert, aber Isolation ist etwas anderes. Isolation ist der Anfang vom Ende.

Zusätzlich bin ich ein Mensch, der die Struktur einer Arbeitsstelle braucht.  Nicht im Sinne von Zwang, ich bin durch Arbeit motiviert. Ich halte mich an den vorgegebenen Rahmen, in Form von Arbeitszeiten und liebe es einen Grund zu haben morgens aufzustehen. Denn Aufstehen selber kann sich bei mir als die größte Herausforderung des Tages herausstellen, wenn ich eine Struktur durch einen Arbeitsplatz habe ist Aufstehen keine Herausforderung mehr.  Das Arbeiten an Etwas hilft mir und gibt mir das Gefühl etwas Sinnvolles geschaffen zu haben. Und besagter Politiker würde mir das – wenn er könnte – am liebsten nehmen? So nicht mein Lieber, so nicht und nicht mit mir. Denn ganz ehrlich? Ich bin gut in dem was ich tue und zwar verdammt gut und nach meinem Studium werde ich einen Arbeitsgeber finden, der das realisiert.

Die Politik sollte aufhören über so einen Kuhmist zu diskutieren und dafür sorgen, dass genug Therapieplätze zur Verfügung stehen. Sie sollten erforschen wie Arbeit und Depression in Zusammenhang stehen und uns  nicht kennzeichnen. Wenn man Grippepatienten so behandeln würde, wie mich manchmal, würde man ganz blöd dastehen „Boah sei doch einfach mal wieder gesund und hör auf zu husten, deine Grippe nervt einfach. Geh einfach raus, kneif die Pobacken zusammen und sei kein Mädchen“. Würde man sowas zu jemand mit Grippe sagen? Ich denke nicht.  Wir haben ein Recht auf ein normales Leben ohne als „wahnsinnig“ angesehen zu werden. Also lieber Herr Hermann: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal still sein!

 

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9 Kommentare

  1. 12. April 2015 / 11:08

    Sehr gut geschrieben. Du beleuchtest wirklich jeden Aspekt der Depressionen und ich finde auch sehr gut, dass du auf die Misstände in Deutschland hinweist. Es ist unglaublich schwer einen Therapieplatz zu bekommen, zeitnah schon garnicht möglich und wenn man sich öffentlich outet, wird man, obwohl sehr viele betroffen sind, immernoch ausgegrenzt und schief angeschaut. Deswegen haben ja auch viele Angst sich überhaupt Hilfe zu holen. Ich empfinde es auch als Unverschämtheit ein Berufsverbot diesbezüglich zu diskutieren, gerade, da die Betroffenen dann ja nur noch mehr ausgegrenzt werden und sich das Krankheitsbild mit dieser Aktion sicherlich nicht bessert, sondern eher verschlimmert.
    Und bei vielen Betroffenen fangen die Depressionen ja nicht erst im Berufsleben an, sondern eher, in der Schule… was will man mit denen machen? Auch abgrenzen von den anderen?

    Sinnvoll fände ich es wirklich endlich mehr Therapieplätze zu schaffen, allerdings finde ich es schade, dass man generell erst auf sowas aufmerksam wird, nachdem ein Unglück geschehen ist…

  2. 12. April 2015 / 12:03

    Ich danke dir vielmals! Zum Einen, weil ich krank im Bett liege und von der Überlegung dieses Verbots absolut gar nichts mitbekommen habe, zum anderen, weil du mir so sehr aus der Seele sprichst!

    Respekt erstmals, dass du deine Krankheit jetzt doch thematisierst. Ich weiß noch, wie das bei mir war. Ich wollte meine Depressionen lange Zeit aus meinem Blog heraus halten, ich hatte immer Angst, es könnte jemand gegen mich verwenden, doch mittlerweile stehe ich dazu und fühle mich auch wohl dabei. Trotzdem weiß ich glaube ich, wie schwer es ist, darüber zu sprechen oder zu schreiben, also ja, du hast meinen Respekt!

    Außerdem stimme ich dir zu, Arbeitsverbot für Depressive? Wie dumm ist das denn? Damit würde man in einem Zuge implizieren, dass Menschen mit Depressionen nicht richtig in der Lage sind, einen Job auszuführen und eine Bedrohung für die Menschheit darstellen. So ein Quatsch. Ich finde es unerhöhrt, mal ehrlich. Langsam sollten wir so fortschrittlich sein, Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in unseren Alltag zu integrieren und sie nicht auszuschließen. Ich kann es nicht glauben, dass man wirklich so beschränkt denken kann.

    Ich glaube, ich könnte dir da jetzt noch Romane runter schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich danke dir auf jeden Fall für deinen tollen Beitrag dazu!

    Liebe Grüße,
    Julia

  3. RiikoSakura
    12. April 2015 / 13:41

    Hallo Ando,
    ich hatte davon auch Garnichts mitbekommen,
    aber krass wenn sie wg eines einzelnen Menschens der durchgedreht ist gleich über so einen Mist nachdenken.
    Ich selbst habe Borderline, die arbeit, die Menschen halten mich am leben und geben mir das Gefühl etwas getan und geschaffen zu haben was mal sinn voll ist.
    Würde man mir das wegnehmen und ich wäre 24/7 zuhause , würde ich höchst wahrscheinlich durchdrehen – vermutlich auch nicht überleben.
    Ich brauche wie du die struktur – dne grund aufzustehen und für etwas zu arbeiten und zu kämpfen.

    Und wen man das den erkrankten wegnehmen würde – würde es vermutlich eine hohe suicide rate geben, oder nochmehr leute die masken tragen sich nicht outen, nicht dagegen zur therapie gehen sondern versuchen normal zu sein und daran dann kaputt gehen….

    Ich hoffe doch das sowas niemals durchkommen wird.

    liebe grüße und schönen sonntag dir.

    weiter so.

  4. 12. April 2015 / 14:04

    Ich musste bei diesen Nachrichten echt die Hände über den Kopf zusammenschlagen…

    Innerhalb meiner Familie leidet jemand an Depressionen, Angstzuständen und Co – Frührente, zuhause rum sitzen…Sie würde am liebsten wieder arbeiten. Doch niemand versteht sie und durch so einen Scheiß wie die Politiker verzapfen, verstärkt sich das zusätzlich -.-*

    Ich selbst weiß auch dass ich Depressionen habe, auch wenn es nicht von einem Arzt offiziell diagnostiziert wurde, denn sobald es schwarz auf weiß steht, wird man abgeschoben – in eine Schublade gesteckt – vorbei ist es.

    Wo stellen wir bitte eine Gefahr für die anderen da? Dass wir sie mit unserer Laune runterziehen? Dass wir manchmal anders denken? Jeder muss heutzutage nur noch für die Gesellschaft funktionieren. Es stand diese Woche auch im Raum, dass psychisch Kranken auch der Führerschein entzogen werden sollte…mich regt sowas momentan extrem auf >.<

  5. 12. April 2015 / 14:05

    Ich kann dir nur in jedem Punkt zustimmen. Ich leide zwar selbst nicht an Depressionen, habe aber Psychologie auf der FOS und Depressionen sind nun mal ein großer Teil des Lehrplans. Und dazu gehört auch die Rehabilitation der Menschen, sie einzugliedern und ihnen die Teilhabe am gesellschaftichen Leben zu sichern. Was Herrmann macht, ist genau das Gegenteil und würde alles nur noch verschlimmern. Ich schäme mich, dass es jemanden in einer Machtposition gibt, der diese Dinge ernsthaft durchbringen möchte. Fast wünsche ich ihm selbst diese Krankheit an den Hals. Vielleicht zeigt sich dann etwas Empathie seinerseits.

    Verliere nicht den Mut! Du musst dich nicht über deine Krankheit definieren (nebenbei gesagt finde ich es bemerksenswert dass du darüber schreibst und es preisgibst) und schon gar nicht über die Gedanken eines offensichtlich falsch verkabelten Hampelmanns.

  6. Leandra
    12. April 2015 / 19:00

    Eines möchte ich zunächst sagen: ich habe keine Depressionen. Ich weiß nicht genau, wie sie sich anfühlen und möchte mir das auch nicht anmaßen. Allerdings hat eine gute Freundin von mir Depressionen. Am Anfang fiel es mir schwer mit ihr zu reden, weil ich einfach nicht wusste, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich versuchte trotzdem für sie da zu sein und mein Bestes zu geben.

    Ich bin zu 100% deiner Meinung, dass Therapieplätze einfacher zugänglich gemacht werden müssen, dass eine bessere Hilfe angeboten werden muss. Und ich denke auch, dass man generell die ganze Bevölkerung über diese Krankheit tiefgehender aufklären muss. Denn ich zum Beispiel wusste nicht viel über Depression und den Umgang mit ihr (nicht aus Ignoranz, aber weil ich nie mit solch einer Krankheit zuvor konfrontiert und über sie aufgeklärt wurde). Ich finde das ganze Thema wird todgeschwiegen und das darf nicht sein.

    Inzwischen weiß ich besser, was ich für meine Freundin tun kann. Und in diesem Fall ist es genau so, wie bei dir: der Halt des Alltags hat meiner Freundin geholfen. Das sagt sie auch selbst. Zu wissen, dass man für etwas Sinnvolles aufsteht am Morgen ist eine gute Motivation für sie.

    Deswegen gebe ich dir in jedem Punkt Recht und möchte auch noch sagen, dass ich es toll finde, dass du so offen darüber sprichst. Ich glaube, das gibt anderen Menschen Mut.

  7. 13. April 2015 / 18:17

    Danke.

    Der Text ist genau richtig und ich will (oder kann?) dazu gar nicht mehr so viel sagen.

    Ich denke ein Verbot für Depressive hätte verheerende Auswirkungen. Keiner würde mehr zur Therapie gehen (wollen) weil man dann ja nicht arbeiten kann was vielen – wie eben auch dir – eine Struktur verschafft die sie brauchen. Einziger trauriger pluspunkt: Die Wartezeiten für einen Platz werden kürzer, wenn keiner mehr hin will.

    Aber das ist keine Lösung.

  8. 16. April 2015 / 13:29

    Ich kann dir nur zustimmen und zwar in jedem Punkt! Es kann nicht die Lösung sein, Menschen wegen einer Krankheit in eine Schublade zu schließen. Überall wird von Barrierefreiheit gesprochen und jetzt will einer, wahrscheinlich nur, um in die Zeitung, Diskussion und den nächsten Wahlkreis zu kommen, genau das für Menschen abschaffen, die einfach mal keine rein körperliche Krankheit haben? Oh die ist Magersüchtig, die stellen wir an die Essensausgabe….so ein verstand loser Ansatz. Deinen Mut, dich hier für uns alle öffentlich als Depressiv zu outen bewundere ich. Wenn es dich schon so viel Kraft gekostet hat, dir Hilfe zu holen, dann war dieser Post bestimmt ein riesen Berg, auf dem du jetzt stehst und dafür Hut ab! Keiner soll Angst haben, einen Job, eine Wohnung oder sonst was zu verlieren, nur weil er sich und dem Umfeld zeigt, er ist krank. Ganz im Gegenteil. Jeder sollte dabei unterstütz werden, sein Leben für sich auf die Reihe zu bekommen. Erst wenn wieder jemand “berühmtes” vor dem Zug liegt, kommt wieder die öffentliche Diskussion, die hier mal in eine ganz falsche Richtung gelenkt wurde. Ich bin der Meinung, der wollte nur Reaktionen provozieren und das in einem Land, in dem man mit 2 Mass noch Auto fahren darf? Alkoholiker am Steuer 😀

    Fettes Daumen hoch und die von Herzen alles gute in deinem täglichen Kampf

  9. 19. April 2015 / 10:54

    Also zum Thema Depressionen kann ich absolut nicht mitreden (erstmal Respekt, dass du so ehrlich damit umgehst ♥), aber ich weiß aus der Zeit als mein Papa starb, als ich sehr traurig war, dass die Arbeit da einfach eine wunderbare Ablenkung ist und wenn man alleine zuhause ist wird alles irgendwie noch schlimmer. Darum finde ich das wirklich bescheuert, dass da über ein Verbot gesprochen wird. Individuell auf eine Person zugeteilt, wenn da wirklich bewiesen wird die Person stellt eine Gefahr durch ihr handeln da….mag es ja immer irgendwie geben, aber pauschal für alle? O_O das kann doch nicht deren Ernst sein

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